Die Straße, die letzte Straße, die einzig verbliebene Straße war lang und gerade, so wie man sich eine Straße vorstellt, die sorgfältig geplant und ausgeführt zwei bebaute Enden miteinander verbindet, Handel und Kommerz Raum gibt ebenso wie dem Zeitvertreib, dem Flanieren und der Entspannung.
Das eine Ende der Straße, wenn man es genauer betrachtet, war es wohl eher ihr Anfang, denn ohne Zweifel hatte sie dort begonnen, dort hinter diesem Ende gab es nichts mehr, dort ging es nicht mehr weiter, ging es nirgendwo hin und damit war dies ein wirkliches Ende. Hier wurde die Bebauung von hohen Wohnhäusern begrenzt, zwischen denen sich eine kleine Plaza auftat.
Auf dieser standen einige Bänke, brannten mehrere kleiner Feuer in Blechtonnen, Leute wärmten sich an den Feuern, andere grillten oder kochten, was es zu kochen gab. Die Fenster in den Häusern waren dunkel oder bestenfalls drang Kerzenlicht oder Ähnliches nach draußen und auch auf der Plaza waren die Feuer in den Tonnen das einzige Licht außer dem Schein des Mondes und dem Licht einiger weiter entfernter Gaslaternen.
Das andere Ende der Straße, ihr sichtbares, ihr scheinbares Ende, dort wo die Hausreihen aufhörten und sie in eine langgezogene unbebaute, wegartige Kurve überging, dieses Ende bildete der Mond, der dort zwischen den letzten Häusern hing, voll und rund und hell, als werfe die Erde einen leuchtenden Schatten in den dunklen Himmel.
In einem der Straßencafés unweit der Plaza saßen zwei Männer an einem kleinen Tisch. Einer sah schon etwas älter aus. Der Tisch war schmutzig wie der Aschenbecher, der in der Mitte stand.
Einer der Männer sah auf die Uhr. „Wo nur die Kellnerin bleibt?“ sagte er.
„Sie wird schon kommen“, sagte der andere. „Sie kommt doch immer.“
„Sie ist gestern auch nicht gekommen. Nicht gestern, nicht vorgestern. Du sagst, dass sie immer kommt.“
Sie schwiegen wieder. Sie waren die Einzigen in dem Café. Überhaupt war nicht viel Leben auf der Straße. Hier und das standen einige Männer allein oder in kleinen Gruppen vor den Häusern, rauchten und redeten.
„Werden sie die Kirche wieder aufbauen?“ fragte der Jüngere und deutete mit dem Kopf auf die andere Straßenseite.
Der ältere zuckte mit den Achseln.
„Während meiner Zeit hier“, er wies mit der Hand mondwärts die Straße hinunter auf die Ruine eines großen Gebäudes, ein ehemaliges Warenhaus oder Einkaufszentrum vielleicht, „in dieser Zeit wurde der Komplex mehrere Male wieder aufgebaut. Als er vor zehn Jahren zum dritten Mal niederbrannte, gab es wohl kein Geld mehr. Es gibt immer noch kein Geld.“
„Das da drüben ist aber kein Einkaufszentrum. Es ist eine Kirche“, sagte der andere. „Der dem diese Kirche gehört…wohin gehen denn die Gläubigen jetzt? Wenn auch die Kirche abgebrannt ist, wo treffen sich jetzt die Leute, die immer dort hingegangen sind?“
„Wer weiß, warum sie früher dorthin gegangen sind. Vielleicht haben sie schon lange nicht mehr bekommen aus der Kirche. Vielleicht hatten sie keinen wirklichen Grund mehr oder waren unzufrieden. Auch eine Kirche braucht Kunden. Sie heißen nur anders. Jedes Geschäft braucht Kunden. zufriedene Kunden. Ohne Kundschaft können sie nicht überleben. Konnten sie nicht überleben. Schau dich um.“
Das Innere des Cafés war dunkel wie die Geschäfte nebenan. Die Fenster waren zwar unbeschädigt aber schon halb blind.
“Stell dir vor, was du sehen würdest vom anderen Ende der Straße aus. Wenn du auf dem Mond stehen könntest.”
“Du siehst, wie die Dunkelheit auf dich zukommt. Es beginnt dort.“
Er nickte hinüber zur Plaza.
„Die Dunkelheit beginnt dort. Sie wird sich immer weiter die Straße hinunterfressen bis ans Ende. Schließlich wird auch der Mond fort sein. Und du kannst nichts tun. Du siehst es. Du siehst, was geschieht und kannst nichts tun. Irgendwann bist du dann selbst verschwunden.“
„Ich glaube, sie kommt nicht mehr“, sagte der Jüngere. „Was sollen wir tun? Wir warten schon so lange.“
„Vielleicht ist es gut so, dass sie nicht gekommen ist. Ich denke schon seit einiger Zeit darüber nach, das Geschäft endgültig zu schließen.“
Die beiden sahen sich an.
„Vielleicht kommt sie morgen,“ sagte der Jüngere. „Wir können nur warten. Solange wir hier sind, können wir nur warten.“ […]